HUM-02 · Humanoide Roboter: das Rennen um den Roboterkörper

Agility Digit im Lager: Der erste Humanoide auf einer echten Gehaltsliste

Wie Agility Robotics' Digit bei GXO Logistics vom Pilotprojekt zum bezahlten Lagerarbeiter wurde – mit Fakten zu Einsatzort, Leistungsdaten, Finanzierung und Börsengang.

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Was macht Digit zum ersten Humanoiden mit einem echten Job?

Digit von Agility Robotics ist der erste humanoide Roboter, der nicht in einem Forschungslabor oder auf einer Messebühne steht, sondern im Rahmen eines kommerziellen Vertrags bezahlte Arbeit verrichtet. Im Zentrum steht die Vereinbarung zwischen Agility Robotics und dem Logistikkonzern GXO Logistics: ein branchenweit erstes mehrjähriges Robots-as-a-Service-Abkommen (RaaS), das GXO am 27. Juni 2024 öffentlich machte – nach einem Pilotprojekt Ende 2023. Digit übernimmt in einem GXO-Standort reale, wiederkehrende Aufgaben und wird dafür im Rahmen eines laufenden Servicevertrags bezahlt, nicht im Rahmen eines befristeten Demonstrationsprojekts. Genau diese Verschiebung vom experimentellen Prototyp zum fest eingeplanten, bezahlten Arbeitsmittel macht den Fall für die Debatte um humanoide Lagerroboter so bedeutsam.

Bevor wir ins Detail gehen, lohnt sich ein Blick auf die Grundfrage dieses gesamten Themenfelds: Was ein humanoider Roboter technisch überhaupt ist und warum gerade die zweibeinige Bauform so viel Beachtung findet, erklären wir ausführlich in unserem Grundlagenartikel zu humanoiden Robotern.

Wo genau arbeitet Digit – und was tut er dort?

Der kommerzielle Digit-Einsatz für GXO läuft in einem Distributionszentrum in Flowery Branch, Georgia, das GXO für den Wäsche- und Shapewear-Hersteller SPANX betreibt. Dort übernimmt Digit eine klar abgegrenzte, sich wiederholende Teilaufgabe: Er nimmt Kisten (Totes) von autonomen mobilen Robotern (AMRs) entgegen und setzt sie auf ein Förderband um. Diese Schnittstellenaufgabe – zwischen einem fahrenden Robotersystem und einem stationären Fördersystem – gilt als idealer Einstiegspunkt für humanoide Systeme, weil sie räumlich begrenzt, gut strukturiert und dennoch für klassische Fördertechnik schwer zu automatisieren ist.

Ende November 2025 vermeldete Agility Robotics einen konkreten Meilenstein: Digit hatte in diesem laufenden GXO-Einsatz die Marke von 100.000 bewegten Totes überschritten. Das ist keine Laborzahl, sondern ein Betriebswert aus einer echten, produktiven Lagerumgebung – und damit einer der belastbarsten öffentlich verfügbaren Belege dafür, dass ein humanoider Lagerroboter über Monate hinweg zuverlässig im Dauerbetrieb funktionieren kann.

Wie groß und stark ist Digit technisch?

Digit misst rund 175 cm und wiegt etwa 65 kg – also ungefähr die Statur eines durchschnittlichen erwachsenen Menschen. Die aktuell kommerziell nutzbare Traglast liegt bei rund 16 kg. Hinweis zur Quellenlage: Einzelne Sekundärquellen nennen für dieselbe Generation leicht abweichende Werte (etwa 15,8 kg oder umgerechnet rund 18 kg), was wahrscheinlich auf Rundungsdifferenzen zwischen US-amerikanischen Pfund- und metrischen Angaben sowie auf kleinere Versionsunterschiede innerhalb der aktuellen Digit-Generation zurückzuführen ist. Ein exakter, über alle Quellen hinweg konsistenter Wert lässt sich derzeit nicht belegen.

Im März 2025 kündigte Agility Robotics ein Hardware- und Software-Update an, das unter anderem eine erweiterte Akkulaufzeit von bis zu vier Stunden zwischen zwei Ladevorgängen sowie eine autonome Andockfunktion an eine Ladestation umfasst – Digit kann sich also selbstständig zum Laden begeben, ohne dass ein Mensch eingreifen muss. Auch hier gibt es eine Diskrepanz in der öffentlichen Berichterstattung: Während die Primärquelle von Agility Robotics selbst „bis zu vier Stunden“ nennt, kursieren auf einigen Aggregator-Websites Angaben von „bis zu acht Stunden“. Da diese Sekundärseiten sich offenbar gegenseitig zitieren, ohne unabhängige Recherche zu liefern, ist die Vier-Stunden-Angabe aus der Primärquelle die verlässlichere – die Abweichung bleibt aber in den öffentlich zugänglichen Quellen ungeklärt.

Wie ordnet sich der Fall im Wettlauf der humanoiden Roboter ein?

Digit gewann 2024 die erste Ausgabe des RBR50-„Robot of the Year“-Preises von The Robot Report und wird in der Fachpresse regelmäßig als der erste Humanoide beschrieben, der außerhalb eines Forschungskontexts bezahlte kommerzielle Arbeit verrichtet. Das unterscheidet den Fall grundlegend von vielen anderen prominenten Humanoiden-Projekten, die primär in Entwicklungs- oder Demonstrationsphasen stecken. Einen direkten Blick auf die konkurrierenden Ansätze aus den USA liefert unser Vergleich zwischen Figures Modellen und Teslas Optimus; wer die chinesische Konkurrenz im Blick behalten will, findet die relevanten Anbieter in unserem Beitrag zu chinesischen Humanoiden-Herstellern.

Der breitere Wettlauf um den humanoiden Roboterkörper – von der Formfrage über Antriebskonzepte bis zur Marktstrategie der einzelnen Anbieter – ist Gegenstand unseres Themenschwerpunkts Humanoide Roboter: das Rennen um den Roboterkörper.

Was steht hinter Agility Robotics als Unternehmen?

Agility Robotics wurde 2015 von Jonathan Hurst, Damion Shelton und Mikhail Jones gegründet, als Ausgründung aus dem Dynamic Robotics Lab der Oregon State University. Seit einiger Zeit führt Peggy Johnson das Unternehmen als CEO – eine frühere Microsoft-Führungskraft (EVP) und Ex-CEO von Magic Leap, deren Berufung als Signal dafür gewertet wurde, dass Agility sich von einer Forschungsfirma zu einem professionell geführten Produktunternehmen entwickeln wollte.

Finanziell war Anfang April 2025 eine Series-C-Runde über 400 Millionen US-Dollar ein wichtiger Meilenstein, angeführt von WP Global mit Beteiligung von SoftBank und Amazon. Berichten zufolge erreichte die Runde eine Post-Money-Bewertung von 1,75 Milliarden US-Dollar. Auch hier zeigt sich eine Unschärfe in der öffentlichen Berichterstattung: Andere Sekundärquellen nennen für dieselbe Runde eine Bewertung von rund 2,1 bis 2,12 Milliarden US-Dollar. Da sich keine zwei unabhängigen Primärquellen auf eine identische Zahl einigen, lässt sich hier keine einzelne Bewertung als gesichert ausweisen – beide Größenordnungen kursieren parallel.

Was bedeutet der Börsengang für die Zukunft von Digit?

Am 24. Juni 2026 gab Agility Robotics eine endgültige Vereinbarung bekannt, über eine SPAC-Fusion mit Churchill Capital Corp XI an die Börse zu gehen. Das kombinierte Unternehmen wird mit rund 2,5 Milliarden US-Dollar bewertet und soll über 620 Millionen US-Dollar an Bruttoerlösen erzielen – rund 420 Millionen US-Dollar aus dem Treuhandkonto von Churchill sowie eine PIPE-Finanzierung von etwa 200 Millionen US-Dollar, angeführt von Foxconn. Nach Abschluss der Transaktion soll das Unternehmen unter dem Kürzel AGLT notiert werden.

Im Zuge dieser Ankündigung veröffentlichte Agility Robotics auch aktualisierte Betriebszahlen: Digit ist demnach mittlerweile an neun Kundenstandorten kommerziell im Einsatz und hat kumuliert mehr als 65.000 Betriebsstunden angesammelt. Zu den namentlich genannten Kunden zählen neben GXO auch Schaeffler, Toyota Motor Manufacturing Canada und Mercado Libre. Für die kommende Digit-Generation (Digit v5) meldet Agility zudem mehr als 300 Millionen US-Dollar an mehrjährigen Auftragswerten, vorbehaltlich vertraglicher Meilensteine, sowie eine Kundenpipeline von über 30 Unternehmen. Was ein solches Auftragsvolumen realistisch für die Stückkosten und die Wirtschaftlichkeit einzelner Robotereinheiten bedeutet, ordnen wir in unserem Beitrag zu den Stückkosten humanoider Roboter ein.

Für Digit v5 ist außerdem eine deutlich höhere Traglast von rund 22,6 kg (50 lb) angekündigt – eine Steigerung von etwa 43 Prozent gegenüber der aktuellen 16-kg-Grenze.

Digit-Generationen im Vergleich

Kennwert Aktuelle Digit-Generation (kommerziell im Einsatz) Digit v5 (nächste Generation)
Größe ca. 175 cm keine öffentlich bestätigte Änderung
Gewicht ca. 65 kg keine öffentlich bestätigte Änderung
Traglast ca. 16 kg (Quellen variieren leicht) ca. 22,6 kg (+ ca. 43 %)
Akkulaufzeit bis zu 4 Stunden (Primärquelle); einzelne Sekundärquellen nennen 8 Stunden nicht separat beziffert
Ladevorgang autonomes Andocken an Ladestation (seit März 2025) keine öffentlich bestätigte Änderung
Kundenstandorte 9 Standorte, über 65.000 kumulierte Betriebsstunden (Stand Juni 2026) über 300 Mio. USD Auftragsvolumen, Pipeline von über 30 Unternehmen

Wie viel kostet ein Digit-Einsatz für ein Logistikunternehmen?

Öffentlich verfügbare Quellen nennen keine konkreten Preise für einzelne RaaS-Verträge – weder für den GXO-Vertrag noch für andere Digit-Einsätze. Bekannt ist lediglich das Modell selbst: Robots-as-a-Service bedeutet, dass der Kunde nicht die Hardware kauft, sondern eine laufende Nutzungsgebühr zahlt, vergleichbar mit Software-Abomodellen. Für ein Unternehmen wie GXO senkt das die Einstiegshürde erheblich, weil weder eine hohe Anfangsinvestition noch das technische Wartungsrisiko beim Kunden selbst liegt. Wie sich dieses Preismodell langfristig in die Gesamtwirtschaftlichkeit humanoider Systeme einfügt, hängt eng mit der Frage der Skaleneffekte zusammen, die wir im Beitrag zu den Stückkosten humanoider Roboter vertiefen.

Warum gilt der GXO-Fall als Wendepunkt für die ganze Branche?

Der entscheidende Unterschied zu praktisch jedem anderen prominenten Humanoiden-Projekt liegt in der Vertragsstruktur: Es handelt sich nicht um einen internen Pilotversuch, eine Forschungskooperation oder eine Marketing-Demonstration, sondern um ein mehrjähriges kommerzielles RaaS-Abkommen mit einem der größten Kontraktlogistiker der Welt. Das bedeutet, dass GXO ein echtes operatives Risiko trägt und einen echten operativen Nutzen erwartet – andernfalls würde ein Logistikkonzern dieser Größenordnung den Vertrag nicht verlängern oder ausweiten. Vor diesem Hintergrund ist die 100.000-Totes-Marke aus dem November 2025 weniger eine PR-Zahl als ein handfester Betriebsnachweis: Digit hat über einen längeren Zeitraum hinweg produktiv und wiederholt funktioniert, in einer Umgebung, die nicht für den Roboter optimiert wurde, sondern in der er sich in bestehende Abläufe einfügen musste.

Für den breiteren Physical-AI-Markt ist dieser Fall zudem deshalb relevant, weil er zeigt, wie eng technische Reife und Kapitalmarktinteresse zusammenhängen: Erst die belastbaren Betriebsdaten aus dem GXO-Einsatz erlaubten es Agility Robotics, im Juni 2026 den Schritt an die Börse zu wagen. Wie sich solche kommerziellen Meilensteine in die allgemeine Investitions- und Marktentwicklung der Physical-AI-Branche einordnen, beleuchten wir in unserem Marktausblick für Physical AI 2026.

Wer mit Fachbegriffen rund um Robotik und physische KI noch nicht vertraut ist, findet Definitionen zu Begriffen wie RaaS, AMR oder Traglast in unserem Glossar.

Häufige Fragen

Was macht Digit im GXO-Lager konkret?

Digit übernimmt in einer von GXO betriebenen SPANX-Distributionsanlage in Flowery Branch, Georgia, eine klar abgegrenzte Aufgabe: Er nimmt Kisten (Totes) von autonomen mobilen Robotern ab und stellt sie auf ein Förderband. Ende November 2025 überschritt Digit dabei die Marke von 100.000 bewegten Totes im laufenden kommerziellen Einsatz.

Ist Digit wirklich der erste bezahlte humanoide Roboter?

Digit gilt in der Fachpresse als der erste Humanoide, der im Rahmen eines echten mehrjährigen kommerziellen Vertrags – nicht als Pilotprojekt oder Forschungsdemonstration – bezahlte Arbeit verrichtet. Die Grundlage dafür ist das branchenweit erste Robots-as-a-Service-Abkommen zwischen Agility Robotics und GXO Logistics, öffentlich gemacht am 27. Juni 2024.

Wie viel kann Digit tragen und wie lange arbeitet er am Stück?

Die aktuelle kommerzielle Traglast liegt bei rund 16 kg, wobei einzelne Quellen leicht abweichende Werte nennen. Nach dem Hardware-Update vom März 2025 läuft der Akku laut Agility Robotics bis zu vier Stunden zwischen zwei Ladevorgängen; einige Sekundärquellen nennen abweichend acht Stunden, was sich öffentlich nicht eindeutig klären lässt.

Bei welchen weiteren Unternehmen ist Digit im Einsatz?

Stand Juni 2026 ist Digit an neun Kundenstandorten kommerziell aktiv, mit mehr als 65.000 kumulierten Betriebsstunden. Namentlich genannte Kunden neben GXO sind Schaeffler, Toyota Motor Manufacturing Canada und Mercado Libre.

Wie viel kostet der Einsatz eines Digit-Roboters?

Konkrete Preise für einzelne Robots-as-a-Service-Verträge sind öffentlich nicht bekannt. Das Modell selbst funktioniert wie ein Abonnement: Der Kunde zahlt eine laufende Nutzungsgebühr statt die Hardware zu kaufen, wodurch Anfangsinvestition und Wartungsrisiko beim Anbieter Agility Robotics verbleiben.

Was bedeutet der Börsengang von Agility Robotics für Digit?

Am 24. Juni 2026 kündigte Agility Robotics eine Fusion mit der SPAC Churchill Capital Corp XI an, die das Unternehmen mit rund 2,5 Milliarden US-Dollar bewertet und über 620 Millionen US-Dollar an Bruttoerlösen einbringen soll. Das frische Kapital soll unter anderem die nächste Digit-Generation (v5) mit höherer Traglast finanzieren, für die bereits über 300 Millionen US-Dollar an Auftragswerten vorliegen.

Wie unterscheidet sich Digit von Wettbewerbern wie Optimus oder Figure?

Der zentrale Unterschied liegt im Nachweis: Digit ist der Humanoide mit dem am besten dokumentierten, langfristigen kommerziellen Dauerbetrieb außerhalb eines Forschungs- oder Demo-Kontexts. Einen direkten technischen und strategischen Vergleich zu Figures Modellen und Teslas Optimus liefert unser separater Vergleichsartikel im selben Themenhub.

Warum wird gerade diese Aufgabe – Totes von AMR auf Förderband umsetzen – für Humanoide gewählt?

Diese Schnittstellenaufgabe zwischen einem fahrenden autonomen mobilen Roboter und einem stationären Förderband ist räumlich begrenzt und gut strukturiert, aber mit klassischer Fördertechnik schwer wirtschaftlich zu automatisieren. Sie gilt deshalb als typischer Einstiegspunkt, an dem ein zweibeiniger, greifender Roboter einen klaren operativen Mehrwert liefern kann, ohne die gesamte Anlage umbauen zu müssen.